Dienstag, 8. Januar 2013

Journalismus entsteht auf der Straße

Wie kann man Blogs finanzieren?
von Heiko Wruck
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Nachnutzungen jeglicher Art nur mit ausdrücklichem Einverständnis des Autors oder Seitenbetreibers.
Aufsatz
Der Journalismus befindet sich nicht in der Krise. Und auch die Zeitungsverlage sind weit weg vom Sterbebett. Es wechseln lediglich die Geschäftsmodelle. Mitten in der Krise steckt jedoch ein anderer: der Mediennutzer.


Mittler zwischen Inhalt und Nutzer
Journalisten wird es immer geben. Sie sind Menschen, die eine Geschichte zu erzählen haben. Ihnen ist es egal, ob sie auf Papier oder in den virtuellen Weiten des Internets veröffentlichen. Auch den Zeitungsverlagen ist das Papier nicht heilig. Es ist für sie lediglich (noch) ein guter Datenträger, der ein zweistufiges Verkaufspotenzial beinhaltet: das gedruckte Wort und die gedruckte Anzeige. Die Zeitung kommt gefragt oder ungefragt ins Haus. Sie braucht (noch) keinen Strom und (noch) kein zusätzliches Lesegerät, um wahrgenommen zu werden. Daraus schöpft sie (noch) ihre finanzielle Kraft und (noch) ihre Attraktivität für Leser und Werbetreibende. Auch wenn das Medium Papier ersetzt wird, darf man sicher sein, dass die Verlage ihre Mittlerrolle behalten werden. Damit werden sie auch in Zukunft die Inhalte zu den Nutzern und umgekehrt bringen. Von Krise also keine Spur, weder im Journalismus noch bei den Verlagen.

Die „schwatzende“ Gesellschaft
Ganz anders sieht das bei den Mediennutzern aus. Wer in der „schwatzenden Gesellschaft“ heute schon nicht zwischen einer Presseinformation, einer Presseerklärung und einer Pressemitteilung unterscheiden kann, weiß auch den Wert der verschiedenen journalistischen Genres nicht zu schätzen. Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Viele Mediennutzer stecken mangels ausreichender Medienkompetenz in der Krise. Sichtbar wird dieser Mangel in der Forderung nach dem „objektiven Journalismus“. Der Journalist soll alle Seiten eines Themas in seinem Artikel beleuchten, soll mit allen Parteien gesprochen haben, soll nicht werten ..., sondern objektiv wiedergeben. Es liegt jedoch in der Natur des Menschen, subjektiv zu sein. Auch ganze Teams bleiben ihren subjektiven Wahrnehmungen verhaftet. Genau das wird ihnen je nach Gusto des Mediennutzers angelastet oder wohlwollend bestätigt. Objektiver Journalismus ist so unrealistisch - und unbezahlbar - wie eine Fata Morgana.

Flucht in den Nebel
Manche Mediennutzer flüchten sich bei der Frage, wie Journalismus zu bezahlen sei, in den Nebel abenteuerlicher Modelle. So könne man einen einzelnen Artikel bezahlen oder einen einzelnen Autoren. Sicher kann man das. Aber wer macht das (regelmäßig)? Wie viele Autoren will und kann der einzelne Mediennutzer unterstützen? Selbst wenn Artikel exklusiv auf einem Blog und offen für jedermann publiziert wurden, dürfte es schwer sein, „objektiven Journalismus“ per Einzelförderung zu unterstützen. Und wie viel ist man bereit, im Einzelfall zu geben?

(K) eine Geschäftsgrundlage
Nun müssen auch Journalisten leben - jeden Tag. Ein einfaches Interview kann schnell beispielsweise vierzehn Stunden Arbeit brauchen: eine Stunde für den Fragenkatalog, eine Stunde (Netz-) Recherche, eine Stunde Orts-Recherche (zuzüglich einer Stunde An- und einer Stunde Abfahrt), eine Stunde Anfahrt zum Interviewpartner, eine Stunde Abfahrt vom Interviewpartner, zwei Stunden Interview, eine Stunde Gesprächs-Materialsichtung, zwei Stunden Schreibarbeit, eine Stunde für Check und Gegencheck, und noch eine Stunde für die Fotonachbereitung, den Feinschliff, die Freigabe, die Veröffentlichung - und für die Verbreitung. Technik wie Auto, Fotoapparat, Home Office, Computer et cetera noch nicht inbegriffen.

Bei einem Brutto-Stundenverrechnungssatz von 40,13 Euro (inklusive der 7 Prozent Mehrwertsteuer für journalistische Werke) müsste dieses einzelne Interview 561,82 Euro erlösen.

Wie gesagt, es ist nur ein Beispiel für einen überschaubaren Fall. Um als freier (schreibender und fotografierender) Journalist vernünftig leben und arbeiten zu können, braucht es einen Brutto-Umsatz von etwa 16.000 Euro im Monat. Schließlich muss auch der freie Journalist Recherchen, Urlaub, Krankheit, Reserven, Versicherungen, Rente, Betriebsmittel und Zwangsabgaben et cetera bezahlen. Essen und Wohnen will er auch ... Das würde bedeuten, dass der betreffende Journalist rund 28,5 Interviews der oben genannten Machart veröffentlicht - und das jeden Monat. Selbst wenn sie oder er das hinbekäme, wer will schon jeden Monat 28,5 Interviews vom immer gleichen Autoren lesen?

Echter Journalismus
Sicher, es gibt durchaus qualitativ hochwertige Beiträge, die schneller und vor allem auch nur am Schreibtisch enstehen.  Wer auf qualifizierten Journalismus hält, weiß jedoch, dass solche Artikel eher die Ausnahme als die Regel sind. Es gibt dagegen zahlreiche Themen und Aufgaben, an denen der Journalist Tage, Wochen oder Monate arbeitet. Echter Journalismus entsteht eben auf der Straße und nicht am Schreibtisch. Dabei in Sachen Bezahlung unabhängiger journalistischer Inhalte allein auf die Spendenbereitschaft der Mediennutzer und auf hohe Werbeeinnahmen zu hoffen, ist, vorsichtig ausgedrückt, äußerst vage. Zumal nicht jeden Menschen jedes Thema gleichermaßen interessiert und die wenigsten Mediennutzer für frei verfügbare Inhalte zu zahlen bereit sind.

Was ist bezahlbar?
Trotzdem können journalistische Inhalte auch im Internet und ohne Papier für die Mediennutzer attraktiv und bezahlbar sein. Was zählt, sind die Idee und das Vertrauen in die Macher.

Gelingt es beispielsweise einem Blog, eine breite Themenvielfalt zu versammeln, die mit möglichst vielen Autoren bewerkstelligt wird, können Mediennutzer diese Idee, die Ausrichtung des Blogs und die Umsetzung journalistischer Inhalte durchaus honorieren. Dafür eignet sich ein regelmäßiger, fester Betrag - einmal jährlich oder jeden Monat.

Blogbetreiber, die auf Unabhängigkeit und Qualität wert legen, werden sich einen festen Stamm von guten Autoren aufzubauen und geben gleichzeitig den Blognutzern Raum, ihre Meinung in Leserbriefen und Kommentaren zu veröffentlichen. Erst dadurch entsteht die anstrebte Objektivität im Journalismus - von der die Gesellschaft an sich und nicht zuletzt beide Seiten profitieren.

Die Frage ist nur, haben Mediennutzer die Medienkompetenz, um bewusst ausgewählte  Medien denn auch tatsächlich regelmäßig und dauerhaft finanziell zu unterstützen? Zu unterstützen, auch wenn ihnen viele Artikel gar nicht gefallen und sie anderer Meinung sind. Womit wir, nebenbei bemerkt, auch in der so genannten GEZ-Debatte stecken. Und da reden wir ja eigentlich nur von rund 6 Cent pro Kalendertag.

Wenn die Mediennutzer diese Kompetenz nicht haben, müssen sie sich nicht wundern, wenn Journalisten nur der Quote, den Klicks und dem Mainstream gehorchen. Sie sind dann auf andere Einnahmen angewiesen, bleiben abhängig von Werbung, Gönnern und Sponsoren. Entsprechend „objektiv“ werden ihre Artikel. Eines sollte aber klar sein. Einen gefakten Bericht von echtem Journalismus zu unterscheiden, ist genauso „einfach“, wie den Unterschied zwischen einem echten Foto und einer Bildmontage zu erkennen.

Kontakt:
Heiko@Wruck.org
_____________________________________________